Reportagen

SWEETS hotel

Ein Hotel - 28 Zimmer: verteilt über die ganze Stadt.

Das beispiellose Hotel-Projekt beginnt im Herbst 2012. Da überreichen vier Visionäre dem Stadtrat von Amsterdam eine Schachtel mit 28 kunterbunten Häuschen. Modelle von Brücken-Kontroll-Häusern. In ihnen arbeiten entlang der Kanäle Brückenwärter. Sie heben Brücken vor durchfahrenden Schiffen und senken sie für den wartenden Straßenverkehr.

Längst beschlossen ist da ein zentral gesteuerter Computer. Offen noch die Zukunft nach und nach verwaisender Brückenhäuser. Abreißen? Sie erzählen Architektur-Geschichte und Kultur der Stadt. Museen aus ihnen machen? Eis-Creme-Buden? Kioske? „Hotelzimmer für zwei Personen“, schlagen die Überbringer der Schachtel mit Aufschrift SWEETS hotel den versammelten Räten vor.

Heute, sieben Entwicklungsjahre später, gibt es dreizehn unverwechselbare SWEETS. Dreizehn grundverschiedene Arten die Stadt zu erleben, zu belauschen. Ein jedes mit Panoramablick. Verstreut an belebten und ruhigen Wasserwegen. Vom Zentrum über die historischen Stadtgrenzen hinaus in entlegene, dem Mainstream unbekannte Bezirke. Klein aber fein sind sie vereint in ihrer open-air-Lobby: der ganzen Stadt.

Als die SWEETS noch im Zustand verlassener Arbeitsräume waren, haben Suzanne Oxenaar, Partner Otto Nan und Architekten des Büros Space & Matter in jedem einzelnen ein Design-Picknick gemacht, Künstler dazu geladen, gemeinsam überlegt: Was können wir übernehmen? Wie richten wir behaglich ein für Zwei und erhalten das historisch charakteristische Außen? Größte Herausforderung war, ein Bad zu integrieren.

SWEETS hotel ist wie gemischte Pralinen in einer Schachtel: Die Wahl ist süße Qual. Eine kann sein:

SWEETS Theophile de Bockbrug, 1974

Wer am Hauptbahnhof in die Straßenbahn steigt, fährt 34 Minuten und geht fünf Minuten zu Fuß; dann fällt das Brückenhaus ins Auge. Ein Kasten auf Zement-Sockel im Kanal neben der Zugbrücke. Schwarzes Aluminium rahmt weiße Platten in strenge Geometrie. Sieben Stufen Gitterrost führen zur roten Tür; sie öffnet sich in eine Überraschung: das strukturalistische Objekt aus dem Jahr 1974 empfängt behaglich. Indirektes Licht enthüllt Gästen die Winzigkeit des Inneren. Links der Schulter Kleiderhaken, rechts die Tür zur Toilette in der Dusche. Ein Schritt weiter: zweite Überraschung. Großes Bett auf kleinstem Raum mit Panoramablick. Das Band aus Fenstern offenbart ihnen Fernsicht in beide Richtungen des Kanals. Und eine sehr nahe auf die Brücke. Auf Radfahrer und Fußgänger, die sie in Scharen überqueren, bis rotweiße Schranken sich senken, die Brücke sich hebt. Der Moment - so warnt ein Schild an der Tür - in dem sie diese niemals öffnen dürfen. Könnte den Betrieb stören, Schiffe in Gefahr bringen! Ein Frachter nähert sich, wird langsam größer, gleitet zum Greifen nah unterhalb der Fenster vorüber. Geräuschlos. Theophile ist gut isoliert. Die Brücke schließt sich; die Schranken gehen hoch. Sogleich treten Radfahrer in die Pedalen. Frauen, Männer, Kinder - Pendler. Nie verirrt sich ein Blick ins erleuchtete Brückenhaus. Eine Nation, bekannt dafür keine Vorhänge vor ihre Fenster zu ziehen.

SWEETS Theophile de Bockbrug steht in reinem Wohngebiet. Im 12 Quadratmeter Brückenhaus sitzen Gäste am schwarzen Metalltisch oder im weiß bezogenen Bett. Sehen einen Zipfel alltäglichen Amsterdamer Lebens, der fesselt. Solange sie die weinroten Sichtblenden der Fenster nicht herunter ziehen. Oder Kaffee zubereiten. Oder auf dem SWEETS-Tablet nach Abwechslung suchen. Es zeigt den Weg zum Vondel-Park, Supermarkt, zu Restaurants. Auch die Anleitung zur Bedienung der Heizung. Draußen, schräg gegenüber, ein Café. An alten Holztischen plaudern Gäste, die in der Stadt zuhause sind. SWEETS-Bewohner, die hinüberwollen: „Achtung Radfahrer!“ Steht auch auf dem Schild an der Tür.

Eine weitere Wahl: SWEETS Brückenhaus Amstelschutsluis, 1673

Seit 1673 werden Menschen in Amsterdam aus den Häusern beiderseits des Amstel-Ufers zum Brückenhaus in der genauen Mitte vom Fluss geschaut und sich gefragt haben: Wie mag es sein, dort drinnen? Nur Brückenwärter wussten das. Bis 2018. Da wird es ein SWEETS. Ohne Fährmann nicht erreichbar. Kapitän Eymert holt Gäste am Kai im offenen Boot ab, richtet den Bug auf das rechteckige Fundament aus mächtigen Naturstein-Quadern - obenauf quadratisch das Haus aus Ziegeln mit weißen Fensterrahmen. Das Dach ein Pavillon aus Zink.Ein Nationaldenkmal.

Eine Brise rippelt das Wasser der Amstel, als der Kapitän das Boot am Steg festmacht. Acht Holzstufen höher setzen Gäste Fuß auf die Insel, stehen an ihrer weißen Reling, schauen Kapitän Eymert nach. Er winkt. Ein paar hundert Meter hinter ihm, sehen sie die Hogesluis-Brücke, hinter sich, ebenso weit entfernt, die Megere Brücke. Ihr Zuhause für eine Nacht, ist Zentrum eines Schleusen-Komplexes. Mit den weiß gestrichen Winden in vier Inselecken haben Brückenmeister einst die brückenhaushohen Schlagbäume vor Schiffen auf dem Weg in die Stadt gesenkt und Zoll erhoben.

Durch die Tür im weißen Erweiterungsbau geht es seitlich ins Haus. Helles Holz, blitzende Pfannen, Töpfe über der Spüle aus schwarzem Granit. Hier kochen Gäste selbst, oder bitten einen Chef an den Induktionsherd. Oder Kapitän Eymert setzt mit Personal vom Catering über. Aus Platzgründen ziehen sich Gäste, solange eine dritte Person anwesend ist, auf die Bank vorm Haus zurück oder ins Schlafzimmer - auf 15 von 24 Quadratmetern. Einziges Möbel: das freistehende Bett. Durch drei Fenster strömt Licht auf leinen-bespannte Wände über der Holztäfelung. Reverenz des Design-Picknick-Teams an die Entstehungszeit des Brückenhauses: Nachts zieht es den Blick aus allen sechs Fenstern hinaus in die blinkende Stadt. Auf rote, weiße Lichter, die sich über die Brücken bewegen, entlang den Ufern der Amstel; mit Booten, die durch die Schleusen am Brückenhaus vorüber gleiten. Wer im gut isolierten Inneren steht, befindet sich im Zentrum eines 360° Stummfilms. Wer darin mitwirken möchte, ruft Kapitän Eymert an. Egal wann. Er fährt Gäste an Land und wieder zurück.

Morgens treten sie aus der Regendusche auf die beheizten Kacheln der Küche. Durchs Fenster sehen sie einen Mann mit Karton ins Fährboot steigen. Das Frühstück kommt.

Eine weitere Wahl: SWEETS hotel Haveneiland, 2009

30 Minuten Schnellstraßenbahn vom ältesten Brückenhaus der Stadt zum jüngsten aus 2009. Ein Solitär am Kai von Haveneiland, einer von drei zum Stadtteil IJburg aufgeschütteten künstlichen Inseln. Ende 2018 wird das Brückenhaus ein SWEETS. Eins mit Aussicht aufs Ijsselmeer. 57qm groß. 27 davon ebenerdig: das Bad und der Gang, von dem aus Gäste 18 anthrazitfarbene Stufen Naturstein hinauf zur lichtvollen Höhe des Wohnraums steigen. Wo sich ihr Blick sogleich durch sechs Meter Glasfront im Draußen über der Bucht verliert, entlang der Kaistraße zurück ins SWEETS wandert. Eins, in dem sie ausschreiten können. Über beheizten Boden aus Waschbeton hin zum langen Eichentisch auf Stahlbeinen. Hin zum Bett, dessen grünes Polster sich von einer Ecke ausgehend halbmondförmig in den Raum fortsetzt, als Sitz. Im freistehenden Bücherregal finden sie Weltliteratur, Kunstbücher. Dahinter die perfekte Küche.

An der Wand aus Glas können sie sich vor das schwarze Steuerpult des Brückenwärters setzen. Über die sechs Video-Bildschirme kontrollierte er alle Brücken JIburgs. Die Brücke Haveneiland sehen Gäste wenige Meter entfernt vom Steuerpult; gleich hinter ihr den Hafen zwischen Wohn- und Bürohäusern. die Masten der Plattboden-Booten spiegeln sich in den Fenstern. Keines hat mehr als sechs Etagen. Auf der Straße zwischen Häusern und Kai fährt selten ein Fahrrad, noch seltener ein Auto. Öfter führen Fußgänger ihren Hund aus. Neigt sich der Tag, schweifen Hunderte von Reiherenten auf dem Ijsselmeer.

Vom haus-eigenen Tablet wissen Gäste, wo sie zu Abend essen und einen Drink nehmen können. Wo es Frühstück gibt. Dass sie in zehn Fuß-Minuten am Strand sind. Bei Wind sehen sie Surfer oder stellen sich selbst auf ein Brett. Das Tablet weist ihnen den Weg zum Theo van Gogh-Park, dem Maritim-, dem Tropenmuseum. Manchen Gästen bleibt das SWEETS Ziel und Attraktion: sie schauen die Ruhe des bewegten Bildes einer Wasser-Stadt-Landschaft. Beobachten das langsame Öffnen der Brücke, Segelboote, die aus dem Hafen direkt unter ihren Augen durch die Schleuse ins Ijsselmeer fahren.

Einmal, als ein Brückenwärter gesucht wurde, bewarben sich bemerkenswert viel hoch Gebildete. Unter ihnen Philosophen und Soziologen. Noch gibt es Brückenhäuser in denen Brückenwärter wirken. Das Realisieren der Zentralsteuerung ist kompliziert. Das Einrichten verwaister Brückenhäuser langwierig und aufwendig. Dennoch: in enger Zusammenarbeit mit Stadtverwaltung und Behörde zur Kontrolle der Wasserwege verwirklicht das-Design-Picknick-Team seine Vision vom Weiterleben 28 Brückenhäuser als SWEETS.