Reportagen

QVEST

Plötzlich - Stille. Nur drei Taximinuten vom Hauptbahnhof und Kölner Dom auf dem Platz des Gereonsklosters. Der Taxifahrer lächelt versöhnt: „Ach, schon okay. So ganz raus aus allem Verkehr ist diese Adresse immer wie Miniurlaub für mich.“ Hier residiert vis a vis der Basilika Sankt Gereon das Design-Hotel „The Qvest“. Äste heute himmelhoher Platanen werfen ihre schwankenden Schatten seit 1897 auf die Sandstein-Fassade. Eine ohne Namenszug über dem Portal. Keine Fahne weht. Keine Kreditkarten-Schildchen kleben auf dem Glas des Eingangs.

Das Qvest tritt auch im Internet leise auf. Inhaber Michael Kaune informiert auf der Webseite nur über die Adresse. Vier Fotos zeigen neugotische Architektur ausgestattet mit mid-century Design-Möbeln. Klassikern. Das weckt Neugier. Und die wächst mit jedem Schritt auf den 12 Steinstufen hinauf zum Foyer. Die Augen eilen voraus. Wandern über hohes Rippengewölbe, gleiten die es tragenden Marmorsäulen hinab und verweilen auf den exquisiten Farben historischer Fliesen, als die Füße die Empfangshalle erreichen. Wer sie betritt, steht im hellen Tageslicht. Unter der Rosette eines Spitzbogens zieht das Schwarz-Weiß-Foto von Bruno Bisang den Blick auf sich und damit auf die Rezeption. Zwei Barcelona-Chairs von Mies van der Rohe laden zum Sitzen ein; was sie zuvor schon einmal in der Deutschen Botschaft in London taten.

Michael Kaune ist Kreativ-Unternehmer. Und Sammler. Von zeitgenössischer Fotografie sowie Möbelklassikern. Viele Fotos und Stücke seiner Sammlungen teilt er im Quest mit seinen Gästen. „Sie wurden ja nicht entwickelt und gebaut, um sie unter Plexiglas-Hauben auszustellen. Geht was kaputt, wird es repariert.“ Werbung für das Quest lehnt er ab. „Wer hier reinkommt und sich wohl fühlt, erzählt es weiter. Ich möchte Leuten die Möglichkeit geben, selbst zu entdecken.“

Dabei kann er Werbung. Erlernte Fotografie, Malerei und Layouttechnik, gründete 1992 mit Freunden seine erste Werbeagentur. Erfolg kam rasch. Mit 29 Jahren verkaufte er seine Anteile und ging nach New York. Kam zurück nach Köln; beriet Konzerne beim Marketing, durchlebte berufliche Höhen. Und Tiefen. Als die überwunden waren, sagte er sich: „Jetzt werde ich nur noch Projekte verfolgen, die mit schönen Dingen zu tun haben.“ Unter anderen ein Design-Hotel zu konzipieren und führen. In den frühen 90gern hatte das Paramount Hotel in Manhatten diesen Wunsch in ihm ausgelöst. Über Jahre visualisierte er seine Sammlungen aus dem Lager in ein Traumhotel. „Viele Dinge kommen ganz von selbst zu uns. Man muss nur den richtigen Zeitpunkt erkennen und die sich bietende Chance auch ergreifen.“ Was er tat, als ihm das Gebäude des ehemaligen Stadtarchivs, der späteren Bibliothek des Gerling-Konzerns, angeboten wurde. Im Gereonsviertel, wo er aufgewachsen ist. 2014 materialisiert sich seine Vision vom eigenen Desgin-Hotel im Qvest mit 34 Zimmern.

Eines davon: Zimmer Nr. 1. 16 Quadratmeter. Schmal. Nicht eng. Raum ist für die Nussbaum-Platte des Maestrale-Schreibtischs, den Aluminium Eames Chair EA124. Die schwarze Mamorkonsole der Bar und hinter ihr, unter Steintreppenstufen, das Bett. Worauf auch immer Gäste sich niederlassen, zuerst werden sie aus der Schallplatten-Sammlung eine Scheibe wählen und auf den Dual P52 Plattenteller legen. Im Zimmer Nr. 1 spielt Jean-Michel Jarre OXYGENE für sie, oder Chris Barber`s Jazz Band den Saratoga Swing.

Eine Etage höher, in der Salon-Suite 207, spielen Gäste, die es können, selbst. Sie gehen über das schwarze Eichenparkett und setzen sich an den Ibach-Flügel. Klang breitet sich aus über 120 Quadratmeter momentanen Zuhauses, wird reflektiert von Rippengewölbe, hellen Marmorsäulen, Lederkissen-Sitzlandschaft, dem schwarzen Mamor der Bar. Stehen die sechs hohen Bogenfenster offen, schwingt er hinaus auf den Gereonsplatz zur Basilika. Herein fällt Licht. In Fülle. Eine Gesellschaft von Zehn kann sich auf Eames-Chairs um den langen Holztisch versammeln - konferieren, speisen. Die Tür in der die Suite teilende Wand führt in die Schönheit eines verschwenderisch leeren Raums - zum Bett vor bleiverglasten Bogenfenstern. Wer darin aufwacht sieht die möglicherweise letzte handbemalte Holzdecke der Stadt. Aus dem Mittelalter. Aus einem Kölner Haus ins frühere Stadtarchiv gerettet. Wer hier aufsteht, geht auf das beige-rosa gedeckte Holz des Paravent zu. Angestoßen schwebt er sich faltend wenige Zentimeter über dem Boden zur Seite. Dahinter: schwarze Metro-Fliesen, schwarzer Marmor - das Bad.

„Qualität berührt uns, ob wir es wollen oder nicht“, sagt Michael Kaune. „Wir nehmen sie wahr und spüren sie, zumeist unterbewusst. Ist sie gut, fühlen wir uns wohl und sicher.“ Kaunes Qvest soll durch Architektur und Design Menschen anziehen, Ort der Begegnung sein.

Angezogen fühlen sich Designer, Architekten, Künstler, Medienvertreter, Galeristen. Manch Stammgast bewohnt nach und nach jedes der 34 Zimmer. Manch einer nur das, welches Gäste unabhängig voneinander „David-Lynch-Zimmer“ nennen. Die Vorhänge - schwarzblaue - zugezogen. Der Raum zu erahnen im diffusen Licht der Verner Panton Muschelleuchte, raumhoch von der Decke pendelnd.

Die Bar Rossi, seitlich der Halle, steht jedem offen. Zum Frühstück oder um Fotokunst aus Kaunes Sammlung zu betrachten. Zeitgenössische Fotografie zeigt er auch seitlich vom Qvest in der ehemaligen Kapelle, in der „Kaune Contemporary Gallery“, Treffpunkt für gleichgesinnte Enthusiasten.

Als im Gebäude neben dem Qvest Raum frei war, mietete er ihn. Um seinen Gästen angemessene Nachbarschaft zu sichern. Wer das Restaurant „La Fonda“ betritt, geht durch kosmopolitische Gegenwart zu seinem Platz. Nicht ohne einen langen Blick auf die Reihe von Poul Henningsen-Artischocken-Leuchten. Auch hier ist Kaune Regisseur jeden Details: das Bar-Brett der Thekenanlage - Vachetten-Leder bezogen wie Turnböcke. Fußleisten - Nero-Marquina-Marmor.

Kaunes Anliegen ist „Schönheit und Qualität mit anderen teilen“. Das ist, was ihn antreibt. In Zimmer Nr. 1 spielt jetzt Glenn Miller und Band für Gäste: „In The Mood“.