Reportagen

Und dann nichts als das Meer

Der wohl schönste Schlafplatz Den Haags liegt am Ende des Pier von Scheveningen. Nur: Es ist eine Kunst, ihn zu finden.

Veröffentlicht in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Pier Suites? Nein, die kennen wir nicht“, sagen die niederländischen Taxifahrer ratlos. „Ein Hotel soll das sein?“ Sie schütteln die Köpfe: „Sind wir noch nie angefahren“.

Dann also doch mit der Tram Nr. 9 vom Hauptbahnhof Den Haag zum Stadtteil Scheveningen. Sechs Kilometer. Fünfzehn Minuten Sigthseeing: Haltestelle Kurhaus. Hochhaustürme. Die berühmte Pier ist nirgends zu sehen, nicht mal das Meer.

„Pier Suites?, wiederholt der Mann im blauen Anzug: „Eine Minute die Straße geradeaus, dann links die Treppe runter zum Strand.“ Die Stufen zwischen Hauswänden enden am Strand. Doch die Pier über Meer liegt außerhalb des Blickfelds. Nur das, was ihr Anfang ist, dieses mächtige Gebilde auf Streben aus Stahl ist unübersehbar. Ein paar Dutzend Schritte geradeaus über Steinplatten führen unter das runde Objekt, dass an ein gerade gelandetes Raumschiff erinnert. Hier müssen die Pier Suites sein; auch, wenn es nicht dran steht. Der Eingang öffnet sich in einen hohen, nach hinten offenen Raum. Wo ist die Lobby des „wohl schönsten Schlafplatzes von Scheveningen“? Die junge Frau im Infostand, über deren Kopf der Hinweis Tickets Riesenrad steht, wird es wissen. Dann springt das Logo am Tresen ins Auge: De PIER Suites RECEPTIE. Mara, Rezeptionistin in legerem Schwarz, führt die Gäste zwischen schlendernde Menschen - wohin? In eine Wandelhalle? Eine Gangway? „Auf das Unterdeck der Pier“, erklärt sie.

Glaswände in V-Form. Darin Öffnungen zu langen, schmalen Balkonen, auf denen Leute sitzen, plaudern, in Kaffeetassen rühren. Türen zu den Suiten sind nicht auszumachen. Strand und Weitblick ohne Ende. „Wir spazieren fünfundvierzig Meter über dem Meer“, erzählt Mara. Und das Meer zischt unter ihnen in schaumigen Wellenzungen auf hellen Sand. Leute, die an der Bar sitzen, sehen Schübe von Sonnenlicht über die unermessliche Fläche rauschen. Der Mann am Billardtisch spielt selbstvergessen.

In großen Abständen führen Treppen auf das Oberdeck der Pier. Zu den Suiten geht es immer geradeaus. Vorbei am Pommes-Stand. Quadratischer Tresen schwarzweiß gestreift. Stapel von prallvollen Säcken mit ungeschälten Kartoffeln daneben. Alte und Junge strecken die Hände nach rotweiß karierten Papiertüten mit Fritten aus. „Sind extra gut“, sagt Mara, Junk-Food gibt es auf der Flanier-Meile Pier nicht. Die Snacks hier haben Qualität und sind zum Weitererzählen köstlich.“

Sie passieren üppig gepolsterte Ledersofas, Sessel mit Leuten darin, die Snacks verzehren. Farbenrauschende Spielautomaten reihen sich vor der nicht enden wollenden Wand aus Glas. Ist das die Tür zu den Suites? „Nein, da geht es zum Riesenrad“, weiß Mara. Die allgegenwärtige Sicht auf Strand und Meer scheint die Besucher zu entschleunigen.

im Gesicht Wind, Sonne, Salzluft. Ein Steg, der geradewegs zum Panorama-Restaurant im Bungee-Turm führt. Doch kein noch so kleines Zeichen verweist auf die Pier Suites. „Gleich sind wir da“, sagt Mara. Ein Stück Treppe hinunter. Ein hüfthohes Törchen mit verwittertem Schildchen: Durchgang nur für Befugte. Noch eine Treppe tiefer. Tiefer geht´s nicht. Hier ist nichts. Kein Mensch, kein Stuhl. Nur Hinterhof. Von was? „Wir sind unterhalb des Bungee-Turms“, sagt Mara. Kein Wunder, dass kein Taxifahrer vorfährt. Still ist es. „Hier endet die Pier“, erklärt Mara, „niemand findet hierhin, nur die Gäste der Suites.“ Das elektronische Schloss piept; die Tür schwingt auf. Ein kleiner, fensterloser Raum mit zwei petrol-farbenen Memphis-Sesseln vor rundem Tisch und Wandtapete: Schwarz-Weiß-Foto der historischen Pier. Gegenüber fünf Türen im Halbrund der Wand. Mara öffnet die Nummer 4. Ankunft im wohl schönsten Schlafplatz Scheweningens nach dreihunderteinundachzig Metern Fußweg; so lang ist die Pier.

Ihr Ende - das Ende der Welt. Offenes Meer. Das Atmen des Meeres. Horizont. Von dort rollt eine lange Dünung auf die Suite zu, rauscht sieben Meter unter der Terrasse hindurch. Terrasse und Suite - sie schwingen. Kaum merklich, aber sie schwingen. Bei Sturm und hohem Wellengang sicher mehr. Das macht weltvergessen, wie auf einem vor Anker liegenden Schiff. Unter bauschenden Vorhängen weht die Brise von See her in das helle Zimmer mit der hohen Decke, dem tannengrünen Memphis- Sessel, der Whirlpool-Badewanne vor dem Panoramafenster und dem Bett. Neben dem Kopfende öffnet sich die gläserne Schiebetür zu Waschkonsole und Regenschauer-Dusche in gedämpftem Licht. Bevor Mara ging, hatte sie die Minibar geöffnet - sie ist reichlich bestückt mit Wein, Wasser, Softdrinks und Bier - und gesagt: „Alles gratis. So halten wir es hier.“

Aus der Suite führen drei Stufen hinunter zur Terrasse. Geräumig, zwei hölzerne Deckchairs mit Tisch auf einem Bangkirai-Boden, dem geriffelten Holz. Kein fremder Blick könnte sich je hierhin verirren. Dem eigenen zeigt sich nichts als Wasser, als Horizont; sei es vom Bett aus, vom Sessel oder aus der Badewanne. Der Eindruck, auf dem Meer allein zu sein, überwältigt. Nachts funkeln Sterne am Himmel und über dem Bett. Am Firmament, als runde Scheibe unter der Decke angebracht, verglüht hin und wieder eine Sternschnuppe. Ob hier je jemand Lust hatte, den Fernseher einzuschalten?

Morgens leuchten weit draußen auf dem Meer weiße Segel und noch weiter draußen drehen Containerschffe auf Reede ihren Bug in den wechselnden Wind. Die Nespresso-Maschine macht Kaffee, während Wellen unter der Suite hindurch rauschen. Es gibt nur fünf. Vier davon konzipiert für zwei Gäste, eine, die Suite Nr. 5, für eine Familie. Von den Suiten führt nicht nur das Unterdeck, auch das Oberdeck der Pier führt zurück an Land. Himmeloffen. Schnurgerade liegt die Seebrücke da. Am anderen Ende die Silhouette der Stadt, die Promenade, dieser immens breite Strand davor. Wer dort steht, sieht alle dreihunderteinundachtzig Meter Pier, wie farbige Säulen sie hinaus auf das offene Meer tragen.

Die Pier Suites sieht er nicht.

Originalartikel (PDF)