Fünfundvierzig Meter über den Meeren fährt die Bäderbahn durch die Seenlandschaft Oder-Spree, läuft auf dem einzigen Gleis im Bahnhof von Bad Saarow ein - und hält.
Siebzig Kilometer südöstlich von Berlin steigt hier aus, wer im vielleicht größten Hotelzimmer fern und nah eine Nacht verbringen möchte. Ankommende Gäste schlendern zum Ausgang durch die Kolonnade, wählen, wie verabredet, die Nummer und kündigen sich der Hausdame an. Zu Fuß vier Minuten zwischen Vorgärten und Villen, hin zu dem Hideaway unter dessen Dach Trafos und Generatoren einhundert Jahre Strom für die Bürger von Bad Saarow erzeugten. Bis 2008.
Rasen umgrünt das Bauwerk; ein weißer Lattenzaun hegt beides ein; er macht es zum Eiland. Zum behüteten Ort. Am Zaun wartet die Hausdame, öffnet das schulterhohe Tor und schließt zwei Schritte weiter das meterhohe Bogenfenster ins einstige Elektrizitätswerk auf. Kaum eingetreten, hält manch ein Gast inne. Vernimmt die Stimme der Hausdame, ohne zu hören, was sie sagt. Was er wahrnimmt ist die Sprache des Raums. Lautlos allgegenwärtig in zehn Höhenmetern über hundertzehn Quadratmetern Dielenboden. Gegenwärtig im Licht, das durch fünf bodentiefe Fenster flutet. Die Sprossen darin werfen ihre Schatten bis fast dorthin, wo die schwarze, pulverbeschichtete Metalltreppe sich zur Galerie hinauf windet.
„Auf der Galerie sind Bett und Badezimmer“, erklärt die Hausdame in der grifflos eingerichteten Designerküche und sagt, sie genüge selbst Profi-Köchen. Sagt auch, sie sei rund um die Uhr erreichbar unter der bekannten Nummer. Fragt, um wieviel Uhr sie das Frühstück bringen soll, legt die Fernbedienung für den 42 Zoll Flachbildschirm auf die Liste mit Programmen, deutet auf den Kamin und lacht: „Für den brauchen Sie heute keine Bedienungsanleitung.“ Dann ist sie weg. Verschwunden im hitzeflirrenden Sommer.
Und die zurückbleibenden Gäste? Ihnen fallen die rechteckigen, im Jahr 1908 verlegten, weißen und grauen Wandfliesen auf. Deren Schönheit, die immer noch glänzt. Ist doch verrückt, werden sich die einen oder anderen wundern, wie der Raum es schafft, ihn begehen und erkunden zu wollen. Die Dimension des Lofts beschert eine Selbstwahrnehmung für die sie keine Worte finden. Sie gehen über Holzboden, über ein Stück schwarzen Teppich bis in die Nähe des Kamins, wo groß, flach und tief zwei Roche-Bobois-Sessel stehen, bezogen mit farbfeinen Missoni-Stoffen. Mancher einer wird verblüfft etwas Nicht-Greifbares bemerken. Tim Wittenbecher, einer seiner Besitzer, nennt es in einem Interview ein „ganz besonderes Raumgefühl“. Das Unbeschreibliche wird als sinnliche Verquickung von Industriearchitektur und Mensch erlebt.
Außer den beiden Sesseln, dem runden Tisch mit vier Stühlen nahe der Küche und dem Bett auf der Galerie gibt es nur noch ein einziges Möbelstück im Raum. Das Hängebett. Gehalten von vier langen Ketten schwebt es dreißig Zentimeter über dem Boden. Und lädt ein zum Verweilen. Zwei alte Turnmatten liegen darauf. Cognacfarben und aus Leder. Robustes, glattes, glänzendes Leder. Zusammen 180x200 Zentimeter Fläche, auf der Gäste an Kissen gelehnt sitzen und sich mit der sanften Schwingung des Hängebetts dem Müßiggang überlassen können. Von hoch oben am Eisenträger, wo die Ketten, die es halten befestigt sind, tönt ein sich leise wiederholendes Knarren. Es löst nicht Sorge, es löst Behaglichkeit aus.
Obwohl man Tim Wittenbecher, seiner Frau Heike und Partner Wolfgang Maenning in der Behörde von Bad Saarow den Schlüssel für das stillgelegte Wasser- und E-Werk ausgehändigt hatte, fühlten sie sich beim Öffnen der Fenstertüre wie Einbrecher. Der „Geist des Werkes“ überraschte sie auf der Schwelle. Im Halbdunkel standen sie vor Trafos, riesigen Kabeln und Pumpen. „Wie vor einem verlorenen Ort. Alle drei haben wir uns in ihn verliebt und gleich hineinphantasiert, wie wir ihn zu neuem Leben erwecken könnten.“ In eines als Loft für Reisende mit Sinn fürs nicht Alltägliche. Die Drei machten sich auf dessen Umgebung zu erkunden. Dafür brauchten sie nur den Lattenzaun öffnen, unmittelbar hinter ihm beginnt der Kurpark. Sie überquerten die darin wachsende Lindenallee, standen drei Minuten später am Scharmützelsee. Wind raschelte im hochgewachsenen Schilf. Der orange-bäuchige, kobaltblaue Eisvogel saß auf einem Ast; ein Segelboot glitt vorüber. Hier und da sahen sie ein Café, ein Restaurant, sie kamen zur Therme und wussten, dass sie ihren zukünftigen Gäste mehr als ein Loft zu bieten hatten. 2013 kauften der Wirtschaftsingenieur, die Architektin und Partner Wolfgang Maennig das Wasser-und E-Werk Bad Saarow und transformierten ihre Phantasie in die Realität. Richteten unter demselben Dach neben EWerk-Loft das Maschienen-Loft ein, den Kompressorturm, die Meister- und Direktorenwohnung.
Auffallend sind die außerordentlich langen Bohlen des Bodens; sind diese doch fast so lang wie der Raum. Gäste können nichts wissen vom Holzmeister, der niemals Stapelholz beim Großhändler kauft. Lieber durch Brandenburger Wälder streift, um die hohen Bäume zu finden, die er in Bohlen verwandeln möchte und darf. Deshalb spüren sich Füße auf zehn Meter langen Bodendielen. Dreißig Zentimeter breit. Nut und Feder. Härteste Eiche.
In der Küche summt die Kaffeemaschine, der Milchschäumer. An der Wand in der Küchenische leuchten goldbronzen-warm Metro-Fliesen. Neu wie ihr Name. „Metro“ heißen sie neudeutsch nach den historischen Fliesen an den übrigen Wänden. Im Jahr 1900 wurden sie so zum ersten Mal in der Pariser Metro verlegt.
Mit jeder Stufe auf der Wendeltreppe zur Galerie wird der Blick hinunter auf die Einrichtungsgegenstände zur Vogelperspektive. Trotz Höhe und relativer Leere strahlt das Loft Geborgenheit aus. Auch auf der Galerie, wo das Bett in gedämpfter Beleuchtung ruht. Im Bad mit grauem Mikrozement auf glatten Wänden. Am Fußende des Betts endet die Galerie an der Balustrade. Von hier betrachtet werden Licht und Schatten auf Sesseln, Hängebett und Eichenbohlen zum Bild. Die fünf Bogenfenster sind, was Fenster auf Althochdeutsch einmal waren: Augentore.
Auf der Südseite öffnen sich drei von ihnen auf die Terrasse. Saubere, klare, duftende Luft strömt in Loft und Nase. Noch etwas macht es besonders. Der Gast hört Stille. Kein Laut am Abend, in der Nacht, am Morgen. Später Schritte im Kurpark auf dem Weg zum See. Ihr Rascheln macht die Ruhe vollkommener. Vom kleinen Parkplatz nahebei ist das Rollen eines Autos zu hören. Der Geist des E-Werks, er scheint im Zustand der Entschleunigung weiterhin Raum und Ort zu bewohnen.

