Reportagen

Das Baumhaus im Spessart

So nah und doch so fern von allem: In Unterfranken ist man allein im Baum zu Hause

Veröffentlicht in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Manch Reisender steigt am Gräfendorfer Bahnhof nur aus, um einmal im Leben in einem Baumhaus zu wohnen. Von dort kommt dann jemand vorbei, den Gast abzuholen, chauffiert ihn zwei Kilometer Landstraße entlang der fränkischen Saale immer tiefer in Feld und Wiese, bis hin zu dem Waldrand im Spessart, wo sich das Mühlrad der denkmalgeschützen Seemühle dreht. Hier pulst hinter Eichenfachwerk das logistische Herz vom Baumhaushotel.

Nur Baumhäuser sieht Ella keine. Kamerafrau. Kommt direkt vom Set. Die Ruhe, die sie sucht, begegnet ihr schon im Gesicht der bodenständigen Dame an der Rezeption. Die hängt das Schild „Bin gleich wieder da“ an die Tür, fährt den Elekro-Caddy vor. Versichert sich, dass es wirklich kein Gepäck zu verstauen gibt. Lacht beim Losfahren. Erzählt von Riesenkoffern, nicht selten für eine einzige Nacht im Baumhaus gepackt. Die müssen dann schon mal in der Mühle bleiben, nachdem das Notwendige Platz in einer Tasche gefunden hat. Sie fahren durch Wiesengrund am Mühlteich vorbei in die ansteigende Kurve. Jetzt sind sie zu sehen. Dort oben am Saum des Waldes. In großem Abstand versteckt zwischen Zweigen: Sechs Häuser in sechs Eichen.

Der Caddy rollt unter den Baumhäusern Stadl, Chalet und Studio bergan, während Ella hochschaut zu ihnen und sieht: Sie sind freitragend konstruiert. Sie schweben. Jedes um einen Stamm, der seit dreihundert Jahren wächst. Runde. Eckige. Dreißig und vierzig Quadratmeter. „Keins gleicht dem anderen. Manche sind urig eingerichtet, manche apart“, hört Ella ihre Begleiterin sagen. Der Caddy stoppt am Hinweisschild Cottage vor der ansteigenden Böschung. Frisches Laub raschelt, als sie aussteigen.

Über vierundzwanzig, dem Abhang abgetrotzten Stufen, steigen sie dem Cottage entgegen. Machen auf halbem Wege Halt vor dem Tor, hinter dem die Wendeltreppe zum Baumhaus beginnt. Sie öffnen es und verlassen festen Boden. Steigen weiter über fünfundzwanzig Eichenholz-Stiegen, die Hände stets auf dem geschwungenen Geländer, bis sie auf die Baumhaus-Terrasse treten. Der Fink in der benachbarten Buche verstummt und legt den graublau gefiederten Kopf auf die Seite.

Als sie dicht am Stamm mit der tief gefurchten, graubraunen Borke vorbei zur Fenstertür gehen, gibt die erfahrene Frau vom Baumhaus-Team der Städterin einen Hinweis: „Wir sind im Wald und im Wald, da wohnen Tiere. Möglich, dass nachts ein Eichhörnchen übers Dach läuft, oder ein Siebenschläfer oder eine Waldmaus.“ Kindern sagt sie, wenn sie so einen Waldbewohner übers Dachfenster rascheln sehen möchten, mucksmäuschenstill im Bett liegen müssen. Sonst kommen die scheuen Tiere nicht.

Sie dreht den Sicherheitsschlüssel im Schloss. Zwölf Meter hoch in der Eiche tut sich die Tür zu einer Luxus-Suite auf. Wohn- und Schlafzimmer sind ein einziger Raum mit hohen Fenstern an zwei Seiten und kleineren ringsum. Durch alle sieht Ella sich umgeben von Wald und auf Augenhöhe mit Astgabeln. Doch, der ungewöhnliche Blickwinkel ist aufregend. Zwei braune Ledersessel mit dicken, runden Armlehnen bieten sich an, die Beine auszustrecken und nicht an Arbeit zu denken. Sie bemerkt die Vielzahl der verarbeiteten Hölzer. Mit Holz kennt sie sich familienbedingt aus. Das Dach ist aus leichter, widerstandsfähiger kanadischer Zeder. Das weiß bezogene Doppelbett ruht auf robuster Eiche. Die Wände draußen - wetterbeständiges Lärchenholz. Die Wände drinnen duftende Fichte. Noch etwas duftet: Die Zirbelkiefer - aus Schrank, aus Schreibtisch, aus Tisch und Bett.

Ella nimmt wahr, was schon anderen aufgefallen ist, Kollegen, die ihr den Tipp Baumhaushotel gaben: Hier war jemand mit Leidenschaft für Qualität, Schönheit und mit Respekt vor der Natur am Werk. Stephan Schulze heißt er. Verrückter Typ. Hat sich nach dem Studium auf ein Fahrrad gesetzt und ist in zwei Jahren einmal um die Welt geradelt. Hat sich zwanzig Ingenieurs-Jahre mit Windenergie profiliert und genauso lange begeistert mit historischer Wasserkraft befasst. Dann erblickt er unten im Tal die Seemühle aus dem Jahr 1688 und soürt: er hat keine Lust mehr auf oberes Management. Keine Lust mehr auf auf Dress Codes. Möchte lieber hier in bequemen Schuhen und mit dem Hemd über der Hose zusammen mit seiner Frau Ulrike Schupp ein Baumhaushotel ins Leben rufen.

Es ist früher Nachmittag. Im Nachbarbaum vom Cottage krallt sich ein Baumläufer in die Rinde, pickt. Kein Blatt regt sich. Plötzlich sucht Ella ihr Gleichgewicht. Eine Reflexbewegung, winzig nur, dann hat sie es wiedergefunden. Schwankt die Eiche? Dann muss zwanzig Meter höher Wind durch ihre Krone gestrichen sein. Seltsam und elementar, am eigenen Körper zu spüren, wie Blätter, einem Segel gleich, Windkraft auf den Stamm übertragen und wie dieser, zwölf Meter über dem Boden, das Baumhaus zum Schwingen bringt. Zwei oder drei Zentimeter. Ihre Kollegen, die hat hier ein Sturm erwischt. Sie haben ihn durchlebt wie einen Abenteuerfilm. Zu Viert. Und erzählt, wie sie heimlich froh darüber waren, dass der Sturm ohne Gewitter kam. Sonst hätte die pragmatische Dame aus der Rezeption angerufen und ihre einprägsame Erfahrung beendet. Trotz Blitzableiter auf der Eiche hätten sie das Baumhaus verlassen und in die Mühle gehen müssen.“

Es ist die Abwesenheit von Lärm, die Ella auf der Baumhaus-Terrasse an Lärm erinnert. Sie hört den Waizenbach murmeln. Sieht den Wald auf der anderen Talseite; der soll ein Urwald sein. Nur zehn Fußminuten, und sie steht mittendrin. Geht den Pfad am Rand der Schlucht entlang. Mächtige Baumkronen schirmen das Licht ab, halten den Wald dämmrig und feucht. Entwurzelte Bäume an den Hängen. Stämme kreuz und quer, über- und untereinander. An ihre schwarzen Rücken krallen sich grüne Flechten. Über Felsbrocken wachsen leuchtend grüne Polster „Goldenes Frauenhaarmoos“. Plötzlich stürzt Wasser sechs Meter tief über roten Kalkstein. Das muss der Trettsteiner Wasserfall sein.

Zurück im Baumhaus sieht Ella durchs Fenster einen Mountainbiker im Urwald verschwinden. Wie mag es hier wohl im Winter sein? Wenn eisiger Wind um das Baumhaus fegt, Schnee auf dem Dach liegt? Man darunter gemütlich im Warmen sitzt? Möglich ist es. Stephan Schulze und Helfer haben dafür ein Jahr lang zwanzig Zentimeter tief im Waldboden gebuddelt. Nicht tiefer, um ja keine Feinwurzeln zu verletzen. Nun liegen, den Blicken verborgen, beheizbare Leitungen in der Erde. Auch an frostigen Tagen fließt Frischwasser, Abwasser, Löschwasser und Quellwasser zum oder vom Baumhaus. Hydraulisch. Das Mühlrad der Seemühle dreht sich Tag und Nacht. Wasserkraft betreibt die hauseigene Kläranlage. Knipst die Lampen im Baumhaus an, wärmt die Heizkörper, erhitzt das Duschwasser auf 70°.

Rings um das Cottage leuchtet das sehr helle Gelb der Blätter. Zwischen ihnen fällt der Blick zum Tal hin auf das gewölbte Dach des zur Sauna umgebauten Schäferwagens; der Mühlteich spiegelt ihn wieder. Durch den Mühlkanal plätschert schnell fließendes Wasser zum Mühlrad hin. Die Natursteine im Kneippbecken, sie laden ein, mit nackten Füßen ein paar Runden zu treten. Seltsam, ganze vier DINA4- Seiten auf dem Schreibtisch zählen auf, wo man Kanufahren kann, Angeln, Klettern, Golf spielen, Ruinen anschauen. Würde nicht jeder, der einmal im Leben in einem Baumhaus wohnen möchte, möglichst viel Zeit dort verbringen? Auch den Fernseher und seine sechsundfünfzig Programme ignorieren? Es fühlt sich gut an, wählen zu können und nichts zu wollen. Auch nicht das kostenlose WLAN nutzen, um Fotos von der Medientechnik im Seminarraum zu posten. Ella dreht am Regler der Heizkörper. Schaltet die Lampen an. Duscht. Steckt den Stecker für den Wasserkocher in die Steckdose. Trinkt Tee im Ledersessel, bis es dämmert und Wind beginnt, Blätter herumzuwirbeln. Da ist das Aufblitzen eines Buntspechts zwischen Ästen. Die erdig duftende Luft. Dem Geräusch von Stille lauschen: Vogelstimmen. Laubrascheln. Etwas knackt. Der Waizenbach murmelt fortwährend Zeit: Gegenwart.

Mitten in der Nacht wird Ella wach. Schade. Nicht Siebenschläfer, Waldmaus oder Eichhörnchen schauen durchs Dachfenster. Es ist der volle Mond über dem Wipfel der Eiche. Später sind es Sterne. Beim Frühstück in der Mühle, füllen zwei kleine Jungen ihre Teller am Buffett mit Süßem und Deftigem vom Bauer und Bäcker aus der Gegend. Tragen es zum Tisch der Eltern, hören gerade noch, wie diese Ella mit leuchtenden Augen erzählen, ihre Jungs hätten die aufregendste Nacht ihres Leben hinter sich.

Originalartikel (PDF)