Reportagen

Containerschiffe: Reisen wie die Dinge

Wer als Passagier auf einem Containerschiff eincheckt, verzichtet auf Komfort und gewinnt ein Gefühl für Globalisierung.

Veröffentlicht in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Containerhafen Triest, Terminal 4. Der Agent kurvt seinen Kleinbus auf das Gelände, bremst vor einer schwarzen Wand, setzt zwei Rucksäcke, eine Rolltasche und drei Passagiere für die MS Hatsu Chrystal auf die Pier. Rast davon. Die Köpfe im Nacken, blinzeln wir zum Rand der Wand, sehen einen Mann im roten Overall winken. Er eilt die Gangway hinunter, nimmt meine Tasche auf seine Schulter, eilt die steilen Tritte wieder hoch. Wir greifen nach den Handläufen, unter unseren Füßen wackeln die Tritte, eilen ihm nach bis vor einen Seebär von einem Mann. „Kapitän Laudahn“, dröhnt die Stimme. Er mustert uns mit stahlblauen Augen unter buschigen Brauen: „Der Stewart bringt Sie auf Kammer. Mittagessen um zwölf, Deck B, Offiziersmesse.“

Was der Kapitän „Kammer“ nennt, sind vierzig Quadratmeter Wohnraum, Schlafraum, Bad. Durch sechs Bullaugen sehe ich backbords Wasser schimmern, auf dem Vorschiff Container in der Sonne leuchten, auf der Pier gelbe Kräne ragen. Rasch verstaue ich meine Sachen; ich will das Ablegen nicht verpassen. Verpasse es beim Essen in der Messe mit meinen Mitpassagieren Regina und Guido aber doch. Kann denn ein drei Fußballfelder langes und zwölf Stockwerke hohes Schiff die Pier verlassen, ohne dass Lärm an die Ohren drängt? Ohne ein Rucken, das der Körper spürt? Die Hatsu Chrystal fährt.

Vor den Bullaugen gleitet Hafen vorüber. Zeit, die Treppen eine Etage hinunter zu laufen. Im Ship’s Office wartet der 3. Offizier. Er zeigt uns, wohin wir rennen sollen, falls wir in ein Rettungsboot steigen müssen, und erklärt die Sicherheit an Bord. Für Regina und Guido, Ingenieure im mittleren Management, ist die Fahrt bis Taiwan erste Etappe ihrer Weltreise. Eine Etappe mit Fitnessraum. Eingerichtet für die Crew, doch auch Passagiere dürfen Gewichte stemmen, boxen, Rad fahren, in der Sauna schwitzen und im Pool kraulen. Wir öffnen die Tür in den Raum und stehen vor der Tischtennisplatte. Schon haben Regina und Guido Schläger in der Hand. Ich höre sie lachen, höre den Ball springen, als ich die Tür schließe und weitergehe.

Drei Stockwerke höher trete ich auf den Balkon vor meinen Bullaugen und bin gebannt. Ich blicke hinunter auf die Container auf dem Vorschiff und denke an Manhattan, an Wolkenkratzer. Die Hatsu Chrystal ist eine Stadt im Meer mit einem alles überragenden Hochhaus darauf: Zwischen Containern auf Vorschiff und Achterdeck ragt weiß und schmal die Scheibe aus Stahl, von der ich blicke. Und in dieser Scheibe eilen wir dreimal täglich 168 Stufen von Deck F zu B hinunter, leckeren Mahlzeiten entgegen, zubereitet vom philippinischen Koch. Erst bleibt mein Blick in der Küche am „German Cookbook“ von Dr. Oetker hängen. Dann serviert der Stewart Linsensuppe mit Bockwurst und stellt Senf auf den Tisch. Aus Bautzen. Kapitän Laudahn sieht, ich bin überrascht, und sagt: „Kaufe ich ein, weil ich ihn kenne. Der ist gut. Auch Rotkäppchen-Sekt kaufe ich ein und Schwartau-Marmelade, nichts anderes. Is’ gut. Weiß ich. Is’ so.“ Äußert ein Passagier seinen Wunsch vor der Abreise, kauft er auch dessen Lieblingswein ein.

Jörg Laudahn aus Rostock fährt in dritter Generation als Kapitän zur See. Wir treffen ihn an Deck, als wir das Schiff umrunden. Hände auf der Reling, schauen wir über das glatte Meer zur fernen Griechenküste. „Warum fährt das Schiff nicht mehr?“, fragen wir. „Tag lose“, antwortet er, „mit 14 Knoten, die das Schiff anfangs fuhr, kommen wir zu früh in Piräus an. Agent sagt, Liegeplatz ist noch belegt.“ Weil langes Langsamfahren die Maschine belastet, driften wir mit der Hatsu Chrystal zweimal zwölf Stunden im Meer. Morgens um fünf flimmert ein Streifen Gold im Dunkel. Wir nähern uns Piräus. Erstes Licht erhellt den Himmel. Schlepper kommen. 8.36 Uhr sind alle Leinen fest. Blaue Kranarme senken sich über das Schiff. Vom Logenplatz meiner Kammer sehe ich Fahrer in Leitständen vor- und zurückgleiten, Greifer steuern, an denen Container schweben, schwingen, sinken, steigen. So präzise, so fließend, so anmutig – ich mag die Augen nicht abwenden vom Tanz der Container. Der Tag vergeht darüber, fast die Nacht. Am schwarzen Himmel steht der volle Mond über neuer Kulisse: einer höheren Containerstadt.

Sieben Uhr morgens. „Alle Leinen los!“ Die Seereise nach Port Said beginnt. Die Hatsu Chrystal fährt durch ruhige See in den Sonnenuntergang. Kreta versinkt darin. Lars aus der Schweiz ist in Piräus an Bord gekommen und mit 28 Jahren der jüngste Passagier. Jetzt ist die Hatsu Chrystal ausgebucht. Erst Banker, dann Student der Philosophie, ist er seit fünf Monaten mit dem Ersparten unterwegs. „Ich will aktiv leben, mich selbst und das Andere wahrnehmen. Kein Suchender, ich bin neugierig“, sagt er. Johnny, der Schiffsmechaniker, spielt einmal abends Gitarre und bringt alle zum Lachen mit Seemannsliedern. In der Pause, die er macht, spielt der zweite Ingenieur eine Romanze von Schubert. Wir haben ihn im Herzen der Hatsu Chrystal gesehen, im monströsen, ohrenbetäubenden 100.000-PS-Maschinenraum und erfahren von sieben längst vergangenen Jahren, in denen er an der Musikhochschule Stettin Klassische Musik studiert hat.

Abends um 19 Uhr fällt der Anker vor Port Said. Die Hatsu Chrystal liegt auf Reede als Nummer 7 in einem Konvoi von 25 Schiffen, die darauf warten, den Suezkanal in Richtung Süden passieren zu dürfen. Regina und Guido finden ihre DVD für den Abend im Gemeinschaftsraum und sehen sich „Spectre“ auf Kammer an. Ganz oben, auf dem Monkey Deck, wo der Schornstein raucht und elektronische Geräte empfangen und senden, zeigt der Schiffsmechaniker auf Sterne und nennt Lars ihre Namen. Anker auf nachts um drei. Es dämmert, als wir zwischen dunstigen Ufern durch die Wüste fahren. Hier und da löst sich ein Fischerboot, Militäranlagen schimmern im milden Licht. Manchmal ein Palmenhain. Der letzte Lotse geht von Bord, als der Kanal endet. Steuerbords leuchtet Suez, Motoryachten, eine Allee mit beschnittenen Bäumen. Nachmittags beginnt die Seereise nach Djedda, Saudi-Arabien.

Wer zu den Mahlzeiten Deck B betritt, liest auf der Info-Tafel: „Bitte alles Pornographische und Alkoholisches abgeben.“ Die Passagiere sitzen im Deck-Chair in der Sonne und trinken die vorerst letzte Flasche Bier. Der Wind reißt mit acht Stärken weiße Schaumfahnen von den Wellenkämmen. Über dem bewegten Roten Meer reiten steif die Container. Kapitän Laudahn weiß nur, was drinsteckt, wenn es Gefahrgut ist.

Lars läuft mir an Deck entgegen. In der Ferne können wir schon die Kräne von Djedda sehen. Zitronenfalter flattern. Seevögel rufen. Riff leuchtet grün und braun in der Hafeneinfahrt. Ich ziehe meinen Hut vor Kapitän Laudahn, dem Lotsen und den Männern auf den Schleppern. In nur 25 Minuten drehen sie die Hatsu Chrystal in die vertrackte Lücke von Liegeplatz 8. Ich spüre nicht den leisesten Stoß, als sie die Pier berührt. Die Kräne senken ihre Arme. Das Ballett der Container beginnt.

12 Stunden 18 Minuten später Szenenwechsel. „Alle Leinen los!“ Kaum beginnt die Seereise nach Colombo, der De-facto-Hauptstadt von Sri Lanka, baut die philippinische Crew die Hatsu Chrystal zum Open-Air-Theater aus. Pappe drücken sie in die runden Fenster aller Türen, die auf Balkone führen. Auf dem Upper Deck stellt sie riesige Attrappen von Seeleuten an die Reling. Die breiten ihre Arme aus, während die echten Kollegen ihnen zu Füßen Schläuche positionieren, aus denen sie Salzwasser unter hohem Druck auf lebende Ziele richten könnten. Die Mannschaft inszeniert eine Gala-Vorstellung für Besucher, denen sie, sollten sie kommen, den Eintritt verwehrt: Piraten. Die lauern im Golf von Aden und darüber hinaus auf Schiffe wie die Hatsu Chrystal. Drei Tage darf niemand nach draußen gehen, ohne sich auf der Brücke ab- und wieder anzumelden. Achillesferse ist das nur acht Meter hohe Heck. Kapitän Laudahn sagt: „Sollten sie kommen, lege ich den Hebel auf’n Tisch.“ Dann verwirbelt das Schraubenwasser den Piraten ein leichtes Entern. Regina und Guido schwitzen in der Sauna. Mittags räuchert der Kapitän Lachs und Shrimps für ein festliches Essen, zu dem er geladen hat. Abends zieht jeder die Vorhänge vor seine Bullaugen, auf dass kein Lichtschein die Hatsu Chrystal verrate. So fährt sie durch Piratengebiet, während auf Brücke und Nock doppelte Wachen durch Ferngläser spähen.

Zeit ist nur ein Ort auf dem Zifferblatt. Das Meer zu befahren macht gegenwärtig. Der Körper passt sich den Schiffsbewegungen an. Das fehlende Internet – es fehlt nicht. Eine knappe Woche später endet am frühen Abend die Seereise nach Colombo. Alter Hafen. Scheinwerfer fluten Terminal YCT4. Das Schauspiel von Löschen und Laden beginnt. Tagesanbruch. Am Hafenrand sehe ich Kolonialbauten nach menschlichem Maß vor himmelkratzenden Bankentürmen. Nachmittags rückt der Moment des „Alle Leinen los!“ mit schwarzer Wetterfront heran. Kapitän und Lotse stehen in der Nock vor der Kulisse eines Dramas. Doch die Wolken brechen nicht. Und was, wenn? Der Kapitän überrascht erneut mit einem unerwarteten Utensil: Er hält einen schwarzen Stockschirm hoch. Es geht weiter. „1588 Miles to go“ bis Malaysia. Sonntags spielt die philippinische Crew auf dem Hauptdeck Basketball. Täglich schlendere ich um die Containerstadt, blinzle ihre Fassaden hoch, spüre die stählerne Straße unter den Füßen. Die Reling wirft lange Schatten darauf. Ich höre Lukendeckel rucken, verweile am Bug. Vor mir begegnen sich Meer und Schiff, dehnt sich der Horizont. Ein poetischer Ort. Hinter mir strecken sich 334 Meter Stahl, stehen 7000 Container mit 63 388 Tonnen Inhalt. In der Stadt auf dem Meer führen 22 Seeleute ihr Leben. Vier Monate, dann zwei Monate in der Familie. Wellen flüstern. Ich sehe Fische fliegen.

Nachmittags, 15 Uhr. Die Hatsu Chrystal fährt in die Straße von Malakka. Auf der Haut des Meeres schwappt Schmutz. Frachter reihen sich in langen Trecks. Die Nacht wird zum Ungeheuer aus weißen Augen. Kapitän Laudahn sagt: „Man muss höllisch aufpassen, ob sie sich bewegen, und wenn ja, wohin.“ Im Dunst des nächsten nahenden Tages verblassen die Augen in verschwommenen Umrissen der Containerschiffe. Die liegen da, lauern auf die Durchfahrt zu ihrer Pier. Auf der Brücke zeigt der Radarschirm ihre schier unfassbare Zahl als gelben Schwarm. Um mich herum herrscht höchste Konzentration, die in großer Ruhe vibriert. Schon reihen sich steuerbords Terminals mit hohen Kränen. Backbords säumt flach und still Mangrove das Meer. Die Ankunft findet mittags statt, es ist 12.18 Uhr. Alle Leinen fest in Tanjung Pelepas. Ich gehe von Bord der Seestadt Hatsu Chrystal. Die Luft flirrt in der Sonne. Der Tanz der Container beginnt.

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